Die aktuelle Diskussion um manipulierte Abgaswerte von Volkswagen-Diesel-Motoren in den USA lässt einen verwundert und etwas ratlos zurück. Verwundert, weil die Amerikaner erst jetzt gemerkt haben wollen, dass die Abgaswerte der VW-Dieselmotoren auf dem Prüfstand mit den Abgaswerten dieser Motoren im Realbetrieb nicht allzu viel zu tun haben. Diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu, sie ist ganz sicher kein Einzelproblem des Volkswagen-Konzerns und sie ist auch nicht auf Dieselmotoren beschränkt. In Deutschland, wie wahrscheinlich auch im Rest Europas, gibt es dafür den technisch klingenden Euphemismus der so genannten Prüfstandserkennung. Gemeint ist damit eine Software, die aufgrund der Umgebungsvariablen erkennt, ob ein Fahrzeug aktuell mit 120 km/h im Straßenbetrieb unterwegs ist, oder irgendwo auf einem Prüfstand oder in einer Werkstatt zum Zweck der Abgasuntersuchung steht. Da beim Test beispielsweise ein Diagnosegerät an die OBD-Schnittstelle angeschlossen wird, dessen Kabel in der Regel durch das geöffnete Fenster der Fahrertür führt, erkennt das System allein an diesem Umstand: „Mein Abgasverhalten wird geprüft, ich magere das Gasgemisch so stark ab, dass der Emissionsausstoß während der Prüfung dem Idealwert entspricht und innerhalb der gesetzlichen Vorgaben liegt.“

Europäische Politiker verdächtig ruhig

Zweifellos ist das offene Fenster bei „voller Fahrt im Stehen“ nicht der einzige Parameter, den die schlaue Fahrzeugsoftware zu Rate zieht, um bei Emissionsmessungen gesetzestreues Verhalten vorzugaukeln. Dass das so ist und dass sich Ingenieure aus der Automobilindustrie gern gegenseitig damit überbieten, welche Tricks sie nun wieder gefunden haben, um die eigene Prüfstandserkennung weiter zu perfektionieren, ist in Deutschland seit Jahren ein offenes Geheimnis. Darum verwundert es zusätzlich, dass ausgerechnet deutsche Automobil-Experten, die sich rühmen, nah an der Automobilindustrie zu sein, ihrer öffentlichen Empörung Luft machen, als hätten sie durch die von der US-Umweltbehörde (EPA) jetzt gegen Volkswagen erhobenen Vorwürfe das erste Mal von dieser „Emissionswert-Tarnsoftware“ gehört. Auffällig an der öffentlichen Empörung ist zudem, dass sich deutsche und europäische Politiker, die sich sonst gerne und viel zu Wort melden, wenn es um die Schlüsselindustrie Automobil geht, derzeit besonders laut schweigen. Das könnte daran liegen, dass man es in Deutschland und Europa zugelassen hat, den Automobilherstellern auf die Gestaltung von Verbrauchsrichtlinien und Emissionsschutzgesetzen deutlich mehr Einfluss zu geben, als das in den USA, insbesondere Kalifornien, offensichtlich vorstellbar ist.

Mögliche Auswirkungen auf AU-Debatte?

Möglicherweise ändern sich aber auch hier die Vorzeichen für die Automobilhersteller. Diese Woche tagen in Brüssel Fachgremien, um erneut darüber zu diskutieren, ob man sich bei der Überwachung des Emissionsverhaltens von Fahrzeugen allein auf On-Board-Systeme verlassen sollte. Das ist das favorisierte Verfahren der europäischen, insbesondere der deutschen, Automobilhersteller. Unter anderem Umweltverbände und Prüforganisationen fordern hingegen, das Fahrzeugemissionsverhalten auch durch neutrale Dritte am Endrohr zu messen. Die Automobilhersteller haben sich den Argumenten der Pro-Abgas-Mess-Fraktion bislang vor allem mit dem Hinweis auf die ach so präzisen fahrzeugimmanenten On-Board-Überwachungssysteme verweigert, übrigens heftig beklatscht vom ADAC, der sich die Herstellerhaltung aus unerfindlichen Gründen zu Eigen gemacht hat.

Das VW-Debakel in den USA, dürfte die Position der Automobilhersteller bei den Verhandlungen in Brüssel nicht eben stärken, nachdem VW den elektronischen Manipulationsvorwurf in den USA bereits eingestanden hat. Offensichtlich ermöglicht die elektronische Präzision der On-Board-Überwachung ebenso präzise Gesetzesüberschreitungen, wenn man sich unbeobachtet fühlt. Und das zu unterbinden ist Sache der Politik, die nicht nur Regeln für den Markt aufstellt, sondern auch deren Einhaltung überwachen muss.

Text: Frank Schlieben

Bild: Bernd Reich