Kürzlich auf der A8: Mal wieder Stau. Die Fahrt zum Ausflugsziel dauerte nicht 45 Minuten, sondern zwei Stunden – genug Zeit für Beobachtungen wie diese: Im Stop-and-Go-Verkehr kann man die Autofahrer in zwei Gruppen aufteilen. Die einen wollen mit möglichst konstanter Geschwindigkeit im Verkehr mitschwimmen und nehmen dabei auch mal einen größeren Abstand zum Vordermann in Kauf. Die anderen versuchen, den Zwischenraum zum Vorausfahrenden immer möglichst gering zu halten – mit entsprechend vielen Anfahr- und Bremsmanövern. Häufig versucht diese Gruppe mit vielen Spurwechseln in sich auftuende Lücken die andere Gruppe auf die von ihr verursachte Platzverschwendung aufmerksam zu machen, um kurz darauf eine weitere Vollbremsung einzuleiten, weil die Kolonne mal wieder zum Stehen gekommen ist.

In solchen Situationen wünsche ich mir bereits heute selbstfahrende Autos. Der Maschine sind Emotionen fremd. Insbesondere liegt es ihr fern, durch gewagte Fahrmanöver anderen Autofahrern Verkehrserziehung erteilen zu wollen. Dieses zweifelhafte pädagogische Phänomen erlebt man übrigens besonders häufig in Deutschland. Sie ist vielleicht auch der Grund, warum hierzulande die Skepsis gegenüber dem autonomen Fahren besonders groß ist. Laut einer Ende Juli veröffentlichten Umfrage von Bitcom, der Interessenvertretung der digitalen Wirtschaft in Deutschland, würden knapp zwei Drittel der Deutschen nicht in ein selbstfahrendes Auto einsteigen. Schade eigentlich, denn ein Roboterfahrzeug könnte nach meiner Überzeugung schon bald auch die Zweifler stressfreier durch den Stau lotsen – oder vielleicht sogar an ihm vorbei.

Noch einige Probleme zu lösen

Ich gebe allerdings zu, dass ich die Sorgen der Technikskeptiker teilweise auch nachvollziehen kann. Jeder von uns ist vermutlich schon mal von einem Navigationsgerät in die Irre geführt oder zumindest mit seltsamen Anweisungen verwirrt worden. Die Vorstellung, dass solch ein Navi nun nicht nur Empfehlungen gibt, sondern diese Kommandos ungefragt ausführt, ist beunruhigend. Auch die jüngsten Meldungen über gehackte Fahrzeugsysteme und die Frage, wer alles Zugriff auf die vielen Fahrzeugdaten haben wird, die durch die Computersteuerung zwangsläufig anfallen werden, machen deutlich, dass noch einige Probleme zu lösen sein werden, bevor tatsächlich die ersten Staus automatisch minimiert oder sogar vermieden werden.

„Für Deutschland ist die Digitalisierung der Mobilität eine Chance, zum internationalen Vorreiter in diesem Bereich zu werden. […] Wenn wir es nicht machen, dann machen es andere mit einem anderen Rechtsverständnis“, hat der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) im Mai in einem Positionspapier betont. Ich bin gespannt, wie stark sich die VDA-Mitglieder tatsächlich für eine möglichst schnelle Einführung des autonomen Fahrens einsetzen werden. Denn eigentlich handelt es sich bei solchen Anstrengungen um geschäftsschädigendes Verhalten. Und damit meine ich nicht die ablehnende Kundenhaltung.

Die nächsten zehn Jahre entscheiden

Sollten sich die Erfahrungen von Google mit seiner Roboterauto-Testflotte bestätigen, ist mit einem deutlichen Rückgang des Reparaturgeschäfts zu rechnen. Laut der monatlich veröffentlichten Erfahrungsberichte des kalifornischen Konzerns (vgl. http://www.google.com/selfdrivingcar/reports) waren die Fahrzeuge nur selten in Blechschäden verwickelt – übrigens immer aufgrund menschlichen Versagens. Der Suchmaschinen-Gigant, der als Alphabet-Holding vermehrt auch im Automobilgeschäft mitmischen will, wird das Thema vorantreiben. UNd so sind die Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel wahrlich keine Übertreibung: „In den nächsten zehn Jahren wird sich entscheiden, ob die deutsche Erfolgsgeschichte des Autos weitere 125 Jahre fortgeschrieben wird.“

Text: Niko Ganzer

Dieser Text erschien zuerst in englischer Sprache auf dem Blog http://www.driving-news.com

Bild: LoggaWiggler / pixabay.com / CC0 Public Domain